Erleuchtung am Freitag


Es klingelt ausgiebig. Ich öffne verärgert. Ein junges Pärchen steht vor der Tür. „Was wollen Sie ?“ frage ich gleichgültig und betrachte ausgiebig das Zifferblatt meiner Armbanduhr. Es ist eine Citizen. „Wir kommen von der Freien kektoistischen Kirche.“ sagt der sittsam gekleidete junge Mann mit angenehm beruhigender Stimme. „Wir möchtten gern über den Sinn des Glaubens mit Dir sprechen.“ beeilt sich das sittsam gekleidete Mädchen glockenhell hinzuzufügen.

Weil ich sie scharf finde, lasse ich die beiden hinein und biete Kaffee an. „Koffein ist im Sinne unseres Glaubens schon eine Droge genau wie Nikotin.“ erklärt mir der Hampelmann im Anzug gestreng. „Aber ein Früchtetee wäre nett.“ ergänzt sie beschwichtigend. Als ich mit gefüllten Tassen, Kanne und Zucker auf dem Tablett zurück komme finde ich sie interessiert vor meinem Bücherregal herumlungernd. Ich weise beiläufig mit der Hand auf das Sofa und sie setzen sich sofort. Offensichtlich ist ihre Empfänglichkeit für stumme Winke geschult. Mir fällt auf, wie sie sich mit einem Blick über mich verständigen.


Ich schiebe ihnen die Tassen hin, sorgsam darauf bedacht, nichts zu verschütten. „Woran glaubst Du ?“ fragt der junge Mann ernst und beugt sich bemüht interesiert vor. „An das Universum, seine Endlichkeit und das sich ergänzende Prinzip von Gut und Böse.“ rassle ich und zünde mir eine Zigarette an. „ähm…Das hört sich sehr interessant an“ Er pustet in seine Teetasse und nimmt einen großen Verlegenheitsschluck. „In gewisser Weise glauben auch wir an eine durch den Schöpfer bestimmte Endlichkeit des Universums die in Bälde durch eine Apokalypse unvorstellbaren Ausmaßes Ausdruck finden wird.“ springt sie in die Bresche. „Ach so, ja.“ sage ich. „Und wie seid ihr darauf gekommen, dass es eine Apokalypse geben wird ?“ Sie sieht mich sehr lange an. „Es gibt Schriften.“ sagt sie dann. „Sehr sehr alte Schriften.“ setzt er fort und schiebt gähnend drei Hochglanz- broschüren über den Tisch. „Wacht auf!“ steht auf der einen in Großbuchstaben, „Das nahe Ende und die Erlösung durch den Heiland“ auf einer anderen. Der junge Gläubige beginnt erneut lange und ausgiebig zu gähnen. Sie schaut ihn verwundert an.

Vermutlich beginnt das Valium, dass ich in den Tee gemischt hatte zu wirken. „Gesundheit.“ sage ich freundlich und er dankt vertrant.“…hast Du schon mal etwas über die Freie Kektoistische Kirche gehört?“ fragt sie und starrt dabei angestrengt auf mein buntes Hemd. „Nein.“ räume ich ein und stelle fest, dass ihre Pupillen extrem erweitert sind. Das LSD schickte wohl ein erstes Hallo in die Tiefen ihrer Großhirnhälften. „Hat es geklingelt ?“ fragt sie verwirrt und reibt sich angestrengt die Stirn. „Irgendwie schon.“grinse ich. „Ich geh mal nachsehen.“

Als ich zurück komme ist der junge Mann eingeschlafen und schnarcht leise. Sie zerrt an ihm herum. „Jürgen!“ zischt sie eindringlich, „Jürgen!“ Er sabbert ein wenig auf sein Seidenhemd. „Vielleicht sollten wir ihn einfach ein Bißchen schlafen lassen.“ schlage ich vor und sie nickt unschlüssig. „Welche Glaubensmaximen liegen eurer Religion zugrunde ?“ mache ich einen auf neugierig. „Hm…“ Sie reibt sich angestrengt die Stirn. „Wir…könnte ich ein Glas Wasser haben ?“ Ich hole es ihr.Als ich zurückkomme kreischt sie „Danke!“und beginnt hysterisch zu lachen, wobei sie gleichzeitig bemüht ist, sich dafür zu entschuldigen. Ich nicke freundlich. „Euer Messias kann doch in jeder Gestalt auftreten, oder ?“ frage ich. „In jeder.“ nickt sie überzeugt. „Woran würdest ihr merken, dass ihr ihm gegenüber steht?“ Sie schaut sehr nachdenklich. „An…an einem Gefühl der Erleuchtung.“ murmelt sie und reibt sich wieder die Stirn. „Und wie fühlst Du dich jetzt ?“ frage ich schelmisch und zünde mir eine neue Zigarette an. „Heiland!“ ruft sie verstört und sinkt auf die Knie. „Vergib mir!“ Sie fängt an meine Hand zu lecken. „Nicht dort.“ sage ich gnädig und streiche ihr langsam über das Haar.